ARCHITEKTUR UND STADTENTWICKLUNG IN HAMBURG-HARBURG

Städtebau und Architektur waren zu allen Zeiten der unmittelbare und kraftvolle Ausdruck der Stadtkultur und legen gleichzeitig Zeugnis ab für die politische und wirtschaftliche Bedeutung einer Stadt.
Baukultur ist kein Luxus, sondern wichtig als Standortfaktor, Lebensqualität und Innovationspotenzial. Im Baugesetzbuch wurde Baukultur als zu beachtendes Ziel der kommunalen Bauleitplanung verankert. Das Bauamt fühlt sich diesem Leitbild verpflichtet, da Architektur der außergewöhnlichen Pflege und Förderung bedarf, denn sie bestimmt stets gegenwärtig unsere Umwelt. Die Broschüre »Architektur und Stadtentwicklung« setzt die Tradition der Ausstellungen und Broschüren des Bauamtes zu diesem Thema fort. Harburg braucht Ideen und Impulse aus der Architektur, um die Attraktivität des Bezirks zu fördern.

 

Im Rahmen des Leitbilds der »Metropole Hamburg – Wachsende Stadt« steht die Schaffung neuer Wohnungsbau- und Gewerbeflächen, lebendiger Innenstädte und attraktiver Freiflächen im Fokus der Stadtpolitik. Es geht aber auch um Architektur mit einer Offenheit gegenüber dem Spektakulären und Selbstverständlichen.

Harburg, der flächengrößte Bezirk Hamburgs mit rund 200.000 Einwohnern, befindet sich in einem tief greifenden Strukturwandel. Gummi, Kautschuk und Palmöl haben jahrzehntelang die Wirtschaft der Stadt bestimmt und verschafften Harburg als Industriestandort ein Renommee über die Grenzen Deutschlands hinaus. Ihre Krise in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts war das Signal zur Neuorientierung des Stadtbezirks, zum Startschuss für einen grundlegenden stadtplanerischen Aufbruch. Heute ist an vielen Stellen Harburgs zu sehen, dass der Bezirk auf dem schwierigen Weg in das neue Jahrtausend gut vorankommt, ganz besonders gilt dies für den Harburger Binnenhafen. Die Harburger begriffen sofort, welche großen städtebaulichen Chancen mit der Wiedergewinnung brachgefallener Hafenflächen und deren nachhaltiger Reurbanisierung verbunden sind. Für den Bezirk an der Süderelbe ist das Wasser seit jeher lebenswichtig.

 

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Die Harburger begriffen sofort, welche großen städte­baulichen Chancen mit der Wiedergewinnung brach­gefallener Hafenflächen und deren nachhaltiger Reurbanisierung verbunden sind. Für den Bezirk an der Süderelbe ist das Wasser seit jeher lebenswichtig. Denn das Wasser sorgte 1297 für die Gründung der »Horeburg«, für die Ansiedlung der Industrie und den Bau des einzigen tidefreien Hafens in Hamburg.
Die Konversion des Binnenhafens, der sich in einem dynamischen Tempo zu einem High-Tech-Dienst­leistungszentrum (Channel-Hamburg) entwickelt, liest sich wie ein Erfolgsbericht: Nutzungsvielfalt, Mischung aus alter und moderner Architektur, wachsende öffentliche Aufmerksamkeit. Die Initial­zündung in Richtung Technologie als Wachtums­katalysator ging von der Technischen Universität Hamburg-Harburg und dem 1990 gegründeten Mikro­elektronikanwendungszentrum aus.

Seitdem wurde auf der Basis der »Entwicklungs­­pl­a­nung Harburger Binnenhafen« – 2006 aktualisiert – eine Vielzahl von Projekten realisiert, unter anderem die drei Hochhäuser: Channel Tower, Silo Schellerdamm und Kaispeicher, die zu neuen Wahr­zeichen des Bezirks wurden und markante Zeichen für den Strukturwandel setzen. Am westlichen Bahn­hofskanal sind die Channel-Bauten, Büro­gebäude mit attraktivem Wasserbezug, entstanden. Leben ist in das Gebiet eingekehrt und wird durch den geplanten Wohnungsbau am Kaufhaus­kanal und auf der Schlossinsel intensiviert. Aktuell entstehen weitere Bürogebäude am Kaufhauskanal und westlichen Bahnhofskanal. Zudem wird »Das Fleethaus«, der ehemalige Getreidespeicher am Schellerdamm, als Park- und Bürohaus restauriert.

Große Chancen und neue Perspektiven eröffnet die Umstrukturierung der Schlossinsel. 2005 wurde ein stadt- und landschaftsplanerischer Wettbewerb durchgeführt. Aufbauend auf dem Ergebnis des Wettbewerbs wurde parallel zum Bebauungsplan­verfahren ein Masterplan entwickelt. Vorhandene gewerbliche Nutzungen sollen soweit wie möglich erhalten, aber auch ca. 200 Wohnungen neu ge­schaf­fen werden. Wichtig für den Erfolg wird sein, dass sich Umbau bzw. Erweiterung des Schlosses als städtebauliches Gesamtbild präsentieren werden. Als Voraussetzung für diese urbane Entwick­lung werden ca. 60 Hektar kurzfristig aus dem Hafenbereich entlassen.

Der Binnenhafen ist das Pfund, mit dem die Harbur­ger Stadtentwicklung auch in Zukunft wuchern muss, als südlichster Trittstein im Rahmen des Leitpro­jekts »Sprung über die Elbe« kommt ihm eine herausragende Rolle zu. Daher muss für die in Planung be­findliche Trasse der Hafenbahn eine stadtverträgliche Lösung gefunden werden, die gleichzeitig die Wiederanbindung der Innenstadt an den Hafen ermöglicht.

Verändern muss sich auch die Harburger Innen­stadt. Sie muss als lebendige Einkaufsstraße wieder zur Visitenkarte der Stadt werden, die man mit Stolz vorzeigen kann. Mit den Harburg Arcaden und dem Phoenix-Center wurden die Voraussetzungen für eine dem Oberzentrum angemessene Einzelhan­dels­versorgung geschaffen. Sie stellen eine Er­gän­zung, aber zugleich auch eine gravierende Konkur­renz des traditionellen Einzelhandels dar, der zudem unter einer generellen Strukturschwäche leidet. Die von den Grundeigentümern im Bereich der Lüneburger Straße ausgelöste Initiative zur Gründung eines Business Improvement Districts (BID) als PPP-Modell ist eine große Chance, das Herz der Harburger Innenstadt mit einem Bündel von Maßnahmen zu revitalisieren. Dazu zählt auch die Qualität des oftmals in die Jahre gekommenen öffentlichen Raumes. Ein verbessertes Versor­gungs­angebot Harburgs stellt auch die Umnutzung und Erweiterung des Ausbesserungswerkes an der Schlachthofstraße dar. Das Projekt eines Fach­markt­zentrums zeigt beispielhaft, wie funktionslose historische Gewerbehallen neuen Nutzungen zugeführt und damit als geschichtliches Zeugnis erhalten werden können.

In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich das Kompetenzzentrum »Elbcampus« der Handwerks­kammer Hamburg im Bau. Das moderne, überbetriebliche Bildungs- und Technologiezentrum für Handwerk und Mittelstand ist mit anspruchsvoller Architektur ein weiterer Baustein für den Wandel Har­burgs vom Industrie- zu einem Wissens- und Wissenschaftsstandort. Mit diesen beiden Projekten wird die bisher im Abseits liegende Schlachthof­straße wieder zu einem wichtigen Stück Stadt.

Die großen Entwicklungspotenziale für den Ein­fa­mi­lien­­hausbau liegen im Süderelberaum. In Neu­gra­ben-­­Fischbek entsteht mit rund 1.250 Wohnein­hei­ten das zurzeit größte Wohnungbauvorhaben Ham­burgs als Eigentumsmaßnahme. Für dieses Gebiet ist der zen­trale Park die entscheidende neue Frei­raumqualität und wird dem Wohnungsquartier im Eingangs­bereich eine besondere Anziehungskraft und Erlebnisvielfalt anbieten.

In einer baulich aufgelockerteren Form sollen auf dem ca. 55 ha großen Gelände der ehemaligen Röttiger-Kaserne am westlichen Stadtrand qualitätvolle Wohnungen und entlang der B 73 ein Gewerbe­park entstehen. In einem länderübergreifenden Planungsprozess zwischen Niedersachsen und Hamburg wurde ein Masterplan entwickelt, der im Rahmen der Architekturolympiade 2006 durch einen städtebaulichen Entwurf konkretisiert wird.

Im Neugrabener Zentrum ist die Umgestaltung des ehemaligen Karstadt-Gebäudes als bereits realisiertes Projekt ein Beispiel für ein gelungenes »Face­lifting« und ein erster Schritt zur notwendigen Auf­wertung des Zentrums.

Wilhelmsburg als flächengrößter Stadtteil Harburgs gerät mit dem Projekt »Sprung über die Elbe« vermehrt in den Fokus gesamtstädtischer Stadtent­wicklung. Mit dem Brückenschlag soll die größte Flussinsel Europas aus ihrer isolierten Lage zwischen Hafen, Industrie, Verkehrsstraße und Fluss befreit und mit ihren einmaligen landschaftlichen Potenzialen in den Stadtkontext integriert werden. Die Internationale Bauausstellung (IBA) sowie die Internationale Gartenschau (IGS), die beide in 2013 stattfinden werden, sind dabei Schlüsselprojekte von herausragender Bedeutung, die u. a. auch Moder­ni­sierung und den Bau gemischt genutzter und urbaner Quartiere mit Freizeitqualitäten und Wasser­be­zügen fördern sollen.

Mit der Zielsetzung »Nutzbarmachen von kleinmaßstäblichen Regenerationen städtischen Erbes an Flüssen und Kanälen« ist im Rahmen des Interreg Nordsee Programms der Europäischen Union in Wilhelmsburg die durchgängige Umgestaltung der Flächen am Ostufer des Veringkanals auf einer fast 1.800 m langen Strecke geplant und schon teilweise realisiert.

Am mittleren Reiherstieg in Wilhelmsburg wird als eines der Projekte des »Sprungs über die Elbe« die Schaffung neuer hafenbezogener Arbeitsplätze betrieben. Das Gebiet liegt in unmittelbarer Nach­barschaft zum Sanierungsgebiet »Südliches Reiher­stieg­viertel«, eines von drei in 2005 förmlich festgelegten Sanierungsgebieten in Harburg. Durch die mittel- bis langfristige Umsetzung der Sanierungsziele in den jeweiligen Gebieten werden städtebauliche Missstände beseitigt und damit eine nachhaltige Aufwertung erreicht.

Bei allen Angebotsplanungen, insbesondere im Be­reich des Wohnungsbaus, wird eine große Vielfalt mit unterschiedlichen Milieus, Eigentums- und Archi­tek­tur­formen angestrebt, um den Ansprüchen verschiedenster Bevölkerungsgruppen gerecht zu werden. Das Spektrum reicht von dem Projekt »Eu­solar Bauausstellung 2005« bis zur »Elfenwiese« in Marmstorf mit innovativen Wohnformen. Vor allem mit den umfangreichen Konversionsflächen (150 ha) von Bahn, Post, Bundeswehr, Krankenhaus, pflegen & wohnen, aber auch der Industrie stehen Harburg in zentraler Lage Flächen zur Verfügung, die im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung ein urbanes Zukunftsszenario, besonders für den innenstadtnahen Wohnungsbau, ermöglichen.

Noch hat sich nicht überall herumgesprochen, dass Harburg nach der rasanten Talfahrt der traditionellen Industrie inzwischen heftige Versuche unternimmt, das Image aufzupolieren und den Struktur­wandel zu befördern. Mit einer aufstrebenden Tech­nischen Universität, einem innovativen Quartier »Bin­nenhafen«, einem vielfältigen Wohnungsan­ge­bot sowie einer lebendigen Innenstadt und Kultur­szene kann sich Harburg als attraktiver Bezirk neu positionieren. Diese Chancen gilt es im Rahmen des Leit­projekts »Sprung über die Elbe« und der »Inter­na­tionalen Bauausstellung 2013« offensiv zu nutzen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Positivbeispiele dieser Broschüre das Bewusstsein für Qualität in Archi­tek­tur und Städtebau fördern in einer Zeit, in der durch das Leitbild der »Wachsenden Stadt« grundlegende Weichenstellungen für die Zukunft zu treffen sind.

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